Winterspaziergänge 2: Punta Balea

Punta Balea ist Galicisch und heißt auf Deutsch in etwa „Kap der Wale“. Es handelt sich um einen Küstenabschnitt westlich der historischen Hafenstadt Cangas auf der Halbinsel Morrazo. Von der Casa das Señoritas aus erreichen Sie diesen Ort in 15 Minuten mit dem Auto.

In einem früheren Blogeintrag habe ich bereits über die ehemals größte Sardinenkonservenfabrik Europa der katalanischstämmigen Unternehmerfamilie Massó geschrieben, eine Industriekathedrale im reinsten Art Deco, die noch im erbärmlich ruinierten Zustand heute viel Faszination ausstrahlt.

Turm der Konservenfabrik Massó

Direkt hinter der Fabrikruine liegt Punta Balea, wo die Walfangeinrichtungen des Unternehmens angesiedelt waren. Die Einwohner von Cangas genießen dort heute Spaziergänge inmitten eines einzigartig morbiden Mixes aus Industrieruinen, teilweise eingestürzten Molen, Felsenküsten und dazwischen liegenden kleinen Stränden.

Gestern waren wir mit Freunden dort, um die frische Luft und die Abendsonne zu genießen. Auf der Kaimauer vor der Fabrik herrscht meditative Anglerruhe.

Doch Punta Balea bietet nicht immer ein solches Bild des Friedens. Vor wenigen Tagen fegte ein Sturm über die Bucht von Vigo hinweg, der fünf Bateas losriss; Bateas sind die eigentümlichen Holzplattformen, unter denen an Tauen Miesmuscheln im nährstoffreichen, klaren Wasser der Ría heranwachsen.

Wir kommen an einer Stelle vorbei, an der die riesigen Schwimmer einer zerstörten Batea auf die Felsen gespült wurden.

Doch heute herrscht Ruhe.

Menschen zeigen aufs Wasser, wo Delfine die Küste entlang schwimmen, ein Boot der Wasserschutzpolizei kontrolliert die Sicherheit der Bateas, die den Sturm überstanden haben und wir lassen uns die Gesichter von der Abendsonne wärmen.

Massó

Massó: Ein katalanischer Familienname, der Teil der Wirtschaftsgeschichte Galiciens ist. Im 19. Jahrhundert kamen katalanische und baskische Familien in den Nordwesten Spaniens und bauten die fischverarbeitende Industrie auf. Am Ortsrand von Cangas, 10 Minuten im Auto von der Casa das Señoritas, hat sich ein Wirtschaftsareal erhalten, das einst die größte Fischkonservenmanufaktur Europas darstellte und über 2000 Menschen Arbeit gab, bis Mitte der 90er Jahre das Ende kam.

Die Ruine zeugt von der einstigen Bedeutung des Unternehmens – und vom ästhetischen Anspruch ihrer Besitzer.

Zu Beginn des 21. Jahrhundert, mitten im Immobilien-Boom, der Spanien in einen irrwitzigen Entwicklungswahn trieb, existierten Pläne, das 150.000 qm große Gelände unter Federführung des britischen Architekten Norman Foster zu urbanisieren, in der damals typischen, gewinnverheißenden Mischung aus Einkaufszentrum, Jachthafen und Luxuswohnungen.

Der massive, teils auch physische Widerstand der Bevölkerung von Cangas gegen das Projekt verzögerten die Realisierung über Jahre, bis die Spekulationsblase in Spanien und der Welt platzte und Spanien in eine wirtschaftliche und soziale Krise stürzte, von der sich das Land bis heute nicht erholt hat.

Seitdem dämmert Massó im Dornröschen-Schlaf. Die Ruine ist gesichert und seit einigen Jahren wurde ein Weg angelegt, der Spaziergänger die Möglichkeit gibt, vom Ortszentrum von Cangas aus das Werksgelände zu erkunden und dann weiter die Küste entlang zu laufen.

Ein herrlicher Ort mit morbid-maritimem Charme.