Monte Facho

Galicien ist wunderschön. Und doch gibt es auch hier Orte, die herausragen. Der Monte Facho im extremen Westen der Halbinsel Morrazo gehört für mich unbedingt dazu. Sie erreichen ihn von der Casa das Señoritas in einer knappen halben Stunde mit dem Auto.

Facho ist ein altes galicisches Wort, das mit dem deutschen Fackel verwandt ist. Der Monte Facho, der Berg des Leuchtfeuers, wacht über den Meereskanal zwischen Cabo Home und den Cíes-Inseln, der Zugang zur Bucht von Vigo gewährt.

Wir lassen das Auto am Aussichtspunkt der Caracola, der inspirierenden Edelstahlskulptur des lokalen Künstlers Lito Portela stehen…

A Caracola (Lito Portela)

… laufen bergan und nehmen nach wenigen hundert Metern links einen kleinen Pfad, der vor Jahrhunderten mit Steinen gepflastert wurde. An einer Steineiche verlassen wir den Weg und beginnen linkerhand den leichten Aufstieg auf den Berg

Oben erwartet uns ein Felsplateau mit einem spektakulären 360 Grad Blick auf das offene Meer, die vorgelagerten Inseln Cíes und Ons sowie die Bucht von Vigo.

Der Berg ist ein Naturjuwel, aber auch kulturhistorisch außergewöhnlich. Das kleine granitene Rundhaus auf der Spitze mit seiner charakteristischen Kuppel stammt aus dem 17. Jahrhundert und war ein Aussichtspunkt, von dem aus herannahende Gefahren für die Bewohner der Bucht von Vigo erspäht und an andere Beobachtungsorte weiter im Landesinneren gemeldet wurden.

Vor einigen Jahren begannen archäologische Ausgrabungen auf dem Monte Facho und legten die Reste eines Castros , einer bronzezeitlichen Siedlung, sowie eines Sonnenheiligtums frei. Dieses war wohl seit dem 5. Jahrhundert vor Christi Ziel von Pilgerfahrten und bis in die Römerzeit hinein von Bedeutung, wie die vielen gefundenen Votivaltäre zeigen.

Der Monte Facho ist ein magischer Ort zu jeder Tageszeit. Bei einbrechender Dunkelheit sieht man von oben die Lichter von sieben Leuchttürmen, auf dem Festland und den Inseln vor der Küste. Und nach dem Abstieg lädt Lito Portelas Skulptur zu Fotospielereien mit den eigenen Töchtern in der untergehenden Sonne ein.

Bonaval

Wer nach Galicien kommt, kommt nach Santiago. Die Stadt trägt ihre Existenzberechtigung im Namen: Sankt Jakob, der erstberufene Apostel liegt hier der Sage nach begraben – und zieht seit über tausend Jahren die Gläubigen an.

Seit dem heiligen Jahr 1993, als die Spanier begannen die Pilgerfahrt zum Apostelgrab touristisch zu vermarkten, ist die Wallfahrt leider derart zum Massenphänomen ausgeartet, dass Santiago im Sommer heute meist in Besucherströmen erstickt.

Aber es gibt Orte, an denen sich der Andrang in Grenzen hält. Einer ist das alte Dominikanerkloster Santo Domingo de Bonaval, außerhalb der Stadtmauer, gegenüber dem nicht mehr existenten Stadttor gelegen, durch das die Jakobspilger Santiago betraten.

Santo Domingo ist als ethnografisches Museum zur galicischen Kultur eingerichtet und verfügt über eine bemerkenswerte barocke Treppe. Das Foto entstand vor einigen Jahren mit einer Schülergruppe, die ich auf eine Studienreise nach Galicien geführt habe.

Ein herrlicher Rückzugsort ist vor einigen Jahren hinter dem Kloster entstanden, als man den alten Klostergarten in einen öffentlichen Park verwandelte. Gesicherte Ruinen, blühende Büsche, kleine, in Stein gefasste Rinnsale und Wege die in Serpentinen den Hügel empor führen.

Im oberen Bereich finden sich Liegewiesen mit einem ungewohnten Blick auf Stadt und ihr Heiligtum. Besonders beeindruckend ist auch ein Spaziergang durch den alten städtischen Friedhof Santiagos, den die Landschaftsarchitekten in den Park mit einbezogen haben.

Santo Domingo de Bonaval. Ein Juwel ein wenig abseits des Pilgertrubels, 10 Minuten zu Fuß von der Kathedrale – und etwa 60 Minuten im Auto von der Casa das Señoritas.

Polbo á Feira

Feira ist das galicische Wort für das spanische Feria und bezeichnet eine Form des Marktes. Während mercado oder einfach praza (zu deutsch: Platz) sich auf den meist täglich stattfindenden Markt mit Frischprodukten bezieht, ist die Feira ein größeres Ereignis. Sie kann wöchentlich, oder auch in größeren Abständen stattfinden und ist eine Veranstaltung, die den lokalen Charakter übersteigt. Im Deutschen hat der Wochenmarkt oder Jahrmarkt eine ähnliche Bedeutung.

Die Bilder entstanden in Celanova, tief in der Provinz Ourense, wo die Feira noch viel von ihrem mittelalterlichen Charakter behalten hat.

Traditionelles Essen ist der polbo á feira, Krake nach Feria-Art. Das Essen ist so verbreitet, dass es im Spanischen ganz allgemein als Pulpo a la Gallega bezeichnet wird.

Die Tintenfische werden in großen Metalltonnen gekocht, anschließend mit großen Scheren in mundgerechte Stücke geschnitten und mit Olivenöl und geräuchertem Paprikapulver garniert und auf Holzplatten serviert.

Historisch erklärt sich die Verbindung von Tintenfisch und Jahrmarkt so, dass die Kraken sich in Vor-Kühlschrank-Zeiten im getrockneten Zustand besonders gut lagern und ins Landesinnere zu den Marktflecken transportieren ließen, wo sie dann gewässert und zubereitet wurden.

Die eingeschränkten Konservierungsmöglichkeiten ließen eine regionale Spezialität entstehen: Heute gilt die weit vom Meer entfernte Provinz Ourense als die Region mit den besten Tintenfisch-Köchinnen. Die orensanischen Polbeiras bereichern in ganz Galicien die Märkte mit ihrem kulinarischen Angebot.

Strände auf Morrazo

Die Halbinsel Morrazo ist gesegnet mit Dutzenden von Stränden. Nach Süden fällt der Blick auf die urbane Ría de Vigo. Richtung Ende der Halbinsel findet man wildere Strände, die mehr vom Charakter des offenen Atlantiks geprägt sind. Im Nordwesten die kleine, geschützte Ría de Aldán mit großen, besonders kindergeeigneten Stränden und kleinen Traumbuchten, im Norden die Strände an der breiten Ría de Pontevedra.

Die Fotos geben einen kleinen Eindruck von der paradiesischen Vielfalt.

Moaña

Moaña ist eine Kleinstadt auf der Halbinsel Morrazo, direkt gegenüber der größten galicischen Stadt Vigo. Die historischen Anfänge des Ortes liegen auf einem Hügel rund um die Kirche San Martiño, in unmittelbarer Nähe der Casa das Señoritas.

Heute liegt das urbane Zentrum am Wasser. In den sechziger und siebziger Jahren entstand dort, wie in vielen galicischen Kleinstädten, ein ästhetisch anspruchsloses Sammelsurium funktionaler Bauten.

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts blüht Moaña jedoch auf. Heute kann man kilometerlang am Wasser entlang laufen, Kinder finden große Spielplätze und Kletterskulpturen, Erwachsene eine Reihe günstiger Restaurants mit hervorragender Küche. Direkt im Ort befinden sich zwei gepflegte, kinderfreundliche Badestrände.

Es ist ein Genuss, in einem Ort zu Gast zu sein, der Ortsfremde sehr freundlich begrüßt, dabei aber immer seinen alltäglichen, unaufgeregten Rhythmus lebt.

Allgegenwärtig ist das Meer, wie die Fotos zeigen.

In der Fraga

Fraga ist die galicische Bezeichnung für einen der traditionellen atlantischen Misch-Laubwälder. Bedingt durch die massive Aufforstung des iberischen Nordwestens mit Eukalyptusbäumen zur Zellulose-Produktion seit Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es heute nur noch wenige dieser Wälder.

Auf Morrazo hat sich oberhalb von Meira eine Fraga erhalten. Im oberen Teil führt entlang des Gebirgsbaches ein kleiner Pfad durch das teils enge Tal. Immer wieder geben natürliche Bassins im Bachbett die Möglichkeit für ein erfrischendes Bad.

Im Hochsommer ist ein Nachmittag in der Fraga und eine Dusche unter dem kleinen Wasserfall für uns Pflichtprogramm.

Das alte Galicien

Galicien ist eine Region voller Widersprüche und Brüche, in weiten Teilen hochmoderner Teil einer globalisierten Welt. Und dennoch überleben bis heute immer noch Relikte des traditionellen, ländlichen Galiciens. Man findet sie vor allem abseits der Küstenregionen, im oftmals entvölkerten Landesinneren. Dieses Bild entstand 1991 bei Camanzo, etwa 30 km östlich von Santiago. Für mich kondensiert es viel von diesem alten Galicien:

Die alte Bauersfrau mit dem traditionellen Strohhut, die Schwarz nicht mehr ablegt, weil immer irgendein Toter in der Familie zu betrauern ist. Sie ist vielleicht auf dem Weg zum Kohlacker, um Grünzeug für ein Cocido, den deftigen galicischen Eintopf zu holen.

Die Felder um sie herum schmale Streifen mit Mais, eine Folge des minifundismo, der in der Region herrschenden Erbteilung, die den vermachten Besitz immer wieder aufs Neue unter allen Erben gerecht aufteilt, bis nur noch buchstäblich handtuchgroße Parzellen übrig bleiben, von denen niemand mehr leben kann: Eine Ursache der traditionellen Armut in der Gegend, die Hunderttausende von Galiciern in die Emigration trieb, zunächst in andere Gegenden Spaniens, dann nach Kuba und Argentinien, wo man heute noch alle Spanischstämmigen als gallegos bezeichnet und Buenos Aires den Status der weltweit größten galicischen Stadt inne hat.

Das saftige Grün in vielen Tönen, im Hintergrund ein paar einheimische Bäume sowie Kiefern und der alles überwuchernde Eukalyptus, die Plage des 20. Jahrhunderts.

So viele Assoziationen in einem dreißig Jahre alten Foto.

Pindo

Wildpferde im Morgengrauen

Von der Casa das Señoritas sind es 20 Minuten im Auto auf den höchsten Berg der Halbinsel Morrazo, den Monte de Faro Domaio. Im vergangenen Sommer lud ich meine Töchter ein, von dort aus mit mir den Sonnenaufgang zu beobachten.

Wie spektakulär, der Blick auf die Ría de Vigo, die Farben der größten Stadt Galiciens, klar gewaschen im ersten Morgenlicht. Davor das Blau des Wassers und darin wie kleine Tupfer die Bateas, an denen die vielleicht besten Miesmuscheln der Welt heranwachsen.

Die Kinder hatten eine Freundin mit eingeladen und aus dem morgendlichen Ausflug ein Picknick-Event gemacht. Und während wir Brot und Kaffee genossen, erklang in der Ferne eine Glocke, kurz darauf ein Wiehern und eine Herde galicischer Wildpferde zog, gemütlich grasend direkt an uns vorbei.

Galicische Magie im Alltag.

Pindo